Heute ist der 23.09.2017

Mediales Afrika-Bild und Fußball-WM

Von Felice Gritti

„Die wichtigste Aufgabe wird 2010 sein, das Bild zu erneuern, das die Menschen von Afrika haben. Wir müssen dem Rest der Welt zeigen, was Afrika kann.“ Das sagte Didier Drogba Ende 2009 mit Blick auf die WM in Südafrika. Das Bild Afrikas, das ist bei uns noch immer in erster Linie geprägt von dem Kind, das wahlweise Fliegen in seinen tellergroßen dunklen Augen und einen Hungerbauch hat, oder eine Kalaschnikow mit seinen zierlichen Händen und einen Patronengürtel auf seinen schmalen Schultern trägt. Es ist geprägt von Abschlachtungen, vorzugsweise mit Macheten, von dem selbstgefälligen, jeden Respekt gegenüber seinem Volk vermissen lassenden Diktator samt korrupten Staatsapparat und von der scheinbar uneindämmbaren Seuche HIV. Es ist geprägt von Naturkatastrophen, Analphabetismus und blutigen, nicht enden wollenden Bürgerkriegen respektive vermeintlichen „Stammeskriegen“. Hoffnungslosigkeit und Gewalt - generell all das, was in der westlichen Welt als zu vermeiden oder als bereits überwunden gilt - sind in der Wahrnehmung Afrikas allgegenwärtig.

 

Einige Wochen nach den Äußerungen des ivorischen Torjägers des FC Chelsea sah sich der Westen in seinem fatalen Bild wieder einmal bestätigt. Im Vorfeld des Afrika-Cups wurde das Austragungsland Angola Schauplatz von Anschlägen. Es dauerte nicht lange, bis von den Sicherheitsmängeln in Angola auf ein Sicherheitsrisiko für die WM in Südafrika geschlossen wurde. Das offenbart einen kaum zu übertreffenden Mangel an Differenzierung. Es sollte zu denken geben, dass man hierzulande auf die Barrikaden geht, sobald ein US-Amerikaner Niederländisch für Deutsch hält – wenn gleichzeitig mit einer beherzten Ignoranz ein ganzer Kontinent (auf dem übrigens über 2000 Sprachen gesprochen werden, von denen immerhin 50 als größere Sprachen gelten) in einer solchen Weise über einen Kamm geschoren wird.

 

Die Unterstellung eines Sicherheitsrisikos war nur ein Teil eines großen Misstrauens gegenüber Südafrikas Fähigkeiten zur erfolgreichen Ausrichtung einer WM. Jeder noch so kleine Anlass wurde genutzt, um ein Problem zu suggerieren, das der westlichen problembeladenen Wahrnehmung ganz Afrikas entspricht. Dass das „Image“ eines Landes - oder im Falle Afrikas eines ganzen Kontinents – die Leitlinien für die Berichterstattung über dort herrschende Probleme bildet, wird in einem kleinen Vergleich zwischen Südafrika und Indien klar, die beide als Schwellenländer gelten. Kürzlich konnte auf dem Subkontinent während der Vorbereitungen der Commonwealth Games ein weit größeres Chaos beobachtet werden, als es in Südafrika vor der WM herrschte. Indien verfügt jedoch über ein tendenziell positives Bild in den Medien, während Südafrika unter dem schlechten Bild ganz Afrikas zu leiden hat. Das Ergebnis: während sich im Falle Südafrikas Übertreibungen, Dramatisierungen und Undifferenziertheiten aneinander reihten, blieb die Kritik an den Problemen Indiens – obwohl sie gravierender waren als die Südafrikas - meist sachlich, nüchtern und differenziert.

 

Wenn unser Afrika-Bild nicht von Unzulänglichkeiten dominiert wird, dann von exotischen Traumwelten. Während im Vorfeld der WM der Afro-Pessimismus die Berichterstattung dominierte, war vom Anpfiff des ersten Spiels an der Afro-Romantismus allgegenwärtig. Ein besonderes Augenmerk wurde auf die Exotik Afrikas, auf Mystik und Rituale gelegt. Meist wurden die Beiträge, ähnlich wie viele Afrika-Filme, nur als Projektionsfläche einer bereits vorgefertigten Vorstellung genutzt. Auch hier wurde ganz Afrika simplifiziert und reduziert, in diesem Fall auf kleine Ausschnitte der Kulturen einzelner Länder, die in dem geschlossenen Raum einer Fußball-WM inszeniert wurden. Dort wird ein Bild des Gastgeberlandes konstruiert, das für jedermann leicht zu mögen ist und Sympathien auf sich zieht. Sobald jedoch landesspezifische Eigenheiten auftreten, die nicht mit der Intention des konstruierten Bildes oder westlichen Auffassungen kompatibel sind, ist es schnell zu Ende mit der Sympathie. Ein Beispiel hierfür sind die Vuvuzelas. Gegen sie wurde in Deutschland hemmungslos gewettert, ohne einen Gedanken an ihre eventuelle große Bedeutung für die afrikanische Stadionkultur zu verschwenden. Man stelle sich vor, afrikanische Medien hätten während der WM 2006 gegen die Fangesänge in deutschen Stadien protestiert.

 

Neben der Verallgemeinerung, lässt sich bei der Betrachtung des scheinbaren Gegensatzpaares Afro-Pessimismus und Afro-Romantismus eine weitere gemeinsame Konstante finden: „der Afrikaner“ wird meist als Wilder beschrieben. Das geschieht entweder mit einer negativen Konnotation, wie im Afro-Pessimismus oder mit einer, unter Umständen gut gemeinten, positiven Konnotation im Afro-Romantismus. Entweder wird ein Bild vom bösen, unzivilisierten und unfähigen Afrikaner gezeichnet oder aber eines vom edlen, naturverbundenen und ursprünglich lebenden. Der Westen wird intellektuell überlegen dargestellt. Die Problematik dieser Konstruktion ist vielfältig: eine Legitimation zur Intervention in Afrika wird abgeleitet, ein gleichberechtigter Umgang und Begegnungen auf Augenhöhe werden verhindert, Afrikaner werden in sie betreffenden Entscheidungsprozessen bevormundet, ein gegenseitiger Lernprozess wird von vornherein gehemmt. Ganz zu schweigen von der Ungerechtigkeit und Herabwürdigung, die in dieser realitätsfernen Darstellung liegt.

 

Aber wo liegen die Gründe für ein durch und durch negatives mediales Bild, das lediglich mit ein paar Klecksen Exotik aufgelockert wird? Ein bedeutender Faktor sind sicherlich die Marktzwänge denen die Medienunternehmen unterliegen. Emotionen verkaufen sich gut. Wollen die Leute über eine neue Verfassung in Kenia informiert werden – oder doch lieber über das neueste Massaker, die aktuellste Hungersnot, oder die jüngsten Menschenrechtsverletzungen in einer der vielen Diktaturen? Das afrikanische Leid wird inszeniert. Für Afrika gilt mehr als für jede andere Region der Grundsatz: „schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten“. Es mag sein, dass sich afrikanische Nachrichten mangels Relevanz für das globale Geschehen nicht gut an den Mann bringen lassen und ein Verkaufsargument erst gegeben ist, sobald Leid geschildert wird. Ob es zu verantworten ist, unter dem vermeintlichen Zwang dieser Logik fast alle guten Nachrichten auszuschließen bzw. nicht wie gute Nachrichten darzustellen und ein derart einseitiges Bild entstehen zu lassen, darf mit Fug und Recht bezweifelt werden. Ein Beispiel für die Macht der Berichterstattung war erst kürzlich zu beobachten, als Äthiopien eine PR-Agentur beauftragte, um das „Image“ des Landes aufzubessern und die Tourismusbranche zu stärken – das ostafrikanische Land hat sich nämlich bis heute nicht von den Berichten über die Hungersnot 1984 erholt.

 

Eine weitere Hauptrolle im Drama, das vom „Image“ Afrikas handelt, bekleidet die „Industrie der Wohltätigkeit“. Hilfsorganisationen wollen genährt und weiter ausgebaut werden. In ihrer Abhängigkeit von Bildern und Berichten, die ihre Existenzberechtigung unterstreichen und den Spendenfluss rauschen lassen, spielen ihnen ihre immer größer werdenden Einflussmöglichkeiten auf Journalisten in die Hände. Immer weniger Medien leisten sich eigene Korrespondenten in Afrika, die große Mehrheit der Berichterstatter ist dort freiberuflich und selbstständig tätig. In der fremden Umgebung ist diese große Gruppe oftmals auf Hilfe und Unterstützung angewiesen, die allzu bereitwillig von Hilfsorganisationen geleistet wird - jedoch nicht ohne eine Berichterstattung über die Aktivitäten der Organisation als Gegenleistung einzufordern, wobei naturgemäß Probleme und schlechte Nachrichten im Vordergrund stehen.

 

Aber der wohl wichtigste Grund für die Darstellung Afrikas in den westlichen Medien findet einen angemessenen Ausdruck in einer Äußerung des irischen BBC-Journalisten Fergal Keane: „Viel zu viele der Afrika gewidmeten Reportagen entstammen einer Vision des Kontinents, in der seine Einwohner erbärmliche schwarze Flecken sind, die sich über die Jahrzehnte vom Kongo der 1960er Jahre bis zum Ruanda der 1990er Jahre ausdehnen.“ Keane beschreibt sich gegenseitig hervorrufende Phänomene: eine bestehende, wie auch immer entstandene, Vision erzeugt Reportagen, welche die Vision bestätigen bzw. verstärken. Oder haben erst die Reportagen, welche Intention auch immer ihnen zu Grunde lag, die Vision erzeugt, die dann wiederum neue Reportagen erzeugte? Der Anfang dieses Teufelskreislaufs ist schwer zu identifizieren. Was sicher scheint: er sollte besser jetzt als bald durchbrochen werden.

 

Sicherlich, es gibt viel Negatives in Afrika, mehr als in vielen Teilen der Welt. Das schönzureden hilft niemandem, wahrscheinlich würde die Situation dadurch sogar verschlimmert werden. Aber warum wird nicht auch Zutrauen in Afrikas Fähigkeiten geschürt, warum wird nicht auch über Positives berichtet? So wenig gäbe es da gar nicht zu sagen. Wer weiß denn schon, dass die Wachstumsrate Afrikas höher ist, als die der Vereinigten Staaten? Wer hat denn schon mal gehört, dass die Telekommunikation in Afrika schneller wächst als in irgendeiner anderen Region der Welt? Wahrscheinlich nicht viele. An prominenter Stelle in den Massenmedien werden solche und ähnliche Informationen nämlich nicht kommuniziert. Wieso wird nur über die widrigsten Umstände berichtet, nicht aber über die Energie, die Leistungen und den Einfallsreichtum von Millionen von Afrikanern, mit denen sie gemeistert werden? Und als Indiz für die westliche Welt: hat nicht schon der reibungslose Ablauf der WM allen gängigen Afrika-Klischees widersprochen? Hat er. Hat sich Südafrika nicht als fröhliches, enthusiastisches, gastfreundliches und relativ entwickeltes Land präsentiert? Hat es.

 

Bemerkenswert ist nun jedoch die von vielen Einwohnern der westlichen Welt plötzlich erlangte Fähigkeit zur Differenzierung. Trotz aller Ignoranz scheint Südafrikas Status als eines der höchst entwickelten Länder auf dem Kontinent auch zu ihnen durchgedrungen sein, was sie daran hindert, den ihnen vermittelten positiven Eindruck das Bild des restlichen Afrikas bestimmen zu lassen - und das zurecht.

 

Zwei Möglichkeiten zur Erklärung ergeben sich. Entweder werden nur negative Eindrücke verallgemeinert, während alles Positive als „Ausnahmeerscheinung“ angesehen wird, oder das Gastgeberland konnte sich durch die WM tatsächlich den Pauschalisierungen ganz Afrikas entziehen. Zu hoffen ist letzteres und das dauerhaft. Dann wäre auch die von Didier Drogba formulierte Aufgabe zumindest für Südafrika erfüllt worden.

 

Félice Gritti

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