Heute ist der 22.04.2018

Alltagspraktiken „Trinken“

Von Steffi Schams

Der ghanaische Historiker Akyeampong zeichnet in „What’s in a drink?“ das historische Bild des ghanaischen alkoholischen Getränks Akpeteshie.

 

Akpeteshie wird von dem Autor als Symbol von Populärkultur, sozialen (Anti-Regierungs-) Protesten und Klassenkennzeichen dargestellt und somit auch als ein Instrument der Transformation von Strukturen in ghanaischer Alltags- und Makrogeschichte. Akyeampongs wissenschaftliche Darstellung zum Akpeteshie-Gin eröffnet mit der verallgemeinerten Hypothese, dass soziale Revolutionen meist harmlos beginnen und sich erst im weiteren Verlauf der Bewegung ideologisch positionieren. Als Fallbeispiel dient ihm zur Beweisführung dieser These der Akpeteshie, ein an der Goldküste destillierter Gin.

 

Akyeampong erörtert in einem zeitlich begrenzten Rahmen (1870er bis 1960er). Beginnend mit einer alkoholischen Kontroverse während der britischen Kolonialbesatzung (importierter Gin-ja, einheimisch destillierter Alkohol-nein), der Finanzierungsfrage der Kolonialgebiete und der globalen Depression gelingt es Akyeampong die Entstehungsgeschichte des Getränks aufzuzeigen. Diesen Teil fasst er unter „The Government’s View“ zusammen, um dann im Anschluss im Abschnitt „The Commoners‘ View“ die Entstehung politischer und sozialer Funktionen des Akpeteshie darzustellen. Hierfür greift er den von Johannes Fabian geprägten Begriff der „kulturellen Kreolisierung“ auf, da es sich bei den Funktionen um eine Synthese afrikanischer und europäischer Einflüsse handelt, die sich wiederum im historischen Abriss ethnisch-, alters-, klassen- und genderabhängig definiert. Im Anschluss hieran ergründet der Autor die, sich aus den vorher genannten Abschnitten entwickelte, politische Entfaltung. Indem die koloniale Strafordnung, Unsicherheit und Machtlosigkeit der Regierung gegenüber dem illegalen Destillieren dargestellt wird, baut Akyeampong eine Überleitung zur Funktion des Akpeteshie im Unabhängigskeitstreben der Goldküste auf. Die erste unabhängige Regierung des Landes unter der CPP-Partei Nkruhmas benutzte die Kontroverse um das Getränk im Streben nach Macht. Mit Übernahme der Regierungsgeschäfte von den Briten wurde die Strafordnung jedoch für weitere fünf Jahre beibehalten.

 

Erst 1962 wurden die Gesetzeslagen verändert. Mit Aufkommen von Autorität und Korruption wurde Akpeteshie jedoch Bestandteil des nationalen politischen Widerstandes gegen die Partei. Parallel hierzu entwickelte sich der Gin in den 1960er auch als Symbol und Ausdrucksweise von sozialen Ungleichheiten (Arbeiterklasse vs. Elite). Seinen historischen Abriss schließt Akyeampong mit einem kurzen Blick auf die gegenwärtige Bedeutung des Akpeteshie in Ghana: der Unlenkbarkeit und Widerspenstigkeit des Getränks, welche der Akpeteshie, wie der Verfasser darlegt, in seiner gesamten Geschichte aufweist.

 

Die Auszüge aus dem kolonialen Strafbuch Togos von 1913 stammen aus den Nationalarchiven Togos und wurden von Billy Bakoubayi transkribiert und analysiert. Es handelt sich hierbei um drei Strafverfahren im Zusammenhang mit dem Konsum und Diebstahl von Alkohol im Jahr 1913. Diese Strafverfahren wurden in den Strafbüchern in drei Abschnitte gegliedert. Zuerst wird der Fall als solches dargestellt. Im Anschluss daran wird eine Begründung des Urteils aufgeführt und abschließend die Strafvollstreckung geschildert. Diese Quelle ist insofern für die wissenschaftliche Abhandlung Akyeampongs relevant, als dass sie sein Fazit bestätigt. Akyeampong schreibt, dass importierter Alkohol (mit hohen Zöllen behaftet) in Zeiten der Kolonialisierung afrikanischer Regionen zum Anstieg von Kriminalität und Unordnung beigetragen hat. Jedoch ist dieses Fazit meiner Ansicht nach erstaunlich, denn einen Strafkatalog und die Aufzeichnung von Kriminalität hat es in vorkolonialer Zeit nicht gegeben. Somit kann an dieser Aussage Akyeampongs Kritik geübt werden, denn vergleichbare Statistiken gibt es nicht und daher ist die Aussage über einen Anstieg von Kriminalität fragwürdig, wenn keine vergleichbaren Daten vorliegen.

 

Viel mehr ergibt sich hieraus die Frage nach der Etablierung von Kriminalität und seiner Definition durch die Kolonialherren, also einer Kriminalisierung von diversen Praktiken auf dem afrikanischen Kontinent. Weiterhin ist Kritik an dem Konzept des Akpeteshie in seiner sozialen Funktion zu üben: Akyeampong definiert weder den Begriff „sozial“ noch den häufig verwendeten Begriff „soziales Netzwerk“. Ein interessanter Aspekt in seiner Abhandlung ist die Betrachtung der Rolle der Frau im Akpeteshie-Handel und somit der Bedeutung der Nischenwirtschaft (vor der Legalisierung). Die Beschränkung auf wenig wissenschaftliche Literatur und dafür vermehrt mündliche Überlieferungen durch Zeitzeugen lassen darauf schließen, dass Akyeampong Vorreiter in einem Forschungsbereich ist, der bisher in der Geschichtswissenschaft vernachlässigt wurde.

 

Stefanie Schams

 

Literatur

 

1. Emmanuel Akyeampong (1996). „What’s in a Drink? Class Struggle, Popular Culture and the Politics of Akpeteshie (Local Gin) in Ghana, 1930-1967”. In: The Journal of African History. Vol.37/2, 1996. S.215-236.

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