Heute ist der 23.09.2017

„Strafen jenseits des Staates“

Von Steffi Schams

Laurent Fourchard, der Verfasser von „A new name for an old practice“, forscht und arbeitet zu den Themenschwerpunkten der Sozial- und Politikgeschichte Afrikas. 

 

Amnesty International ist hingegen eine Menschenrechtsorganisation, die u.a. den Bericht „Killing at will“ publizierte. Aufgrund ihrer Tätigkeitsausdehnung über Menschenrechte hinaus ist, die 1961 in London gegründete Organisation, seit Jahren Bestandteil des öffentlichen Diskurses. Untersuchungsgegenstand der vorliegenden Literatur ist bei Fourchard und im AI-Bericht die Privatisierung der Strafe in Nigeria.

 

Fourchards Arbeit gliedert sich in vier Abschnitte. In einem ersten Teil wird die Geschichte der Kriminalität und deren Handhabung durch die Politik dargestellt. In einem zweiten Untersuchungspunkt widmet sich Fourchard dem „sode sode-System“, einem Strafsystem in Nigeria, welches seine Ursprünge bereits in vorkolonialer Zeit hatte und parallel zum staatlichen Polizeisystem in kolonialer und nachkolonialer Zeit existiert(e).

 

Ein weiterer Untersuchungspunkt thematisiert das politische Nutzen der sogenannten „night guards“ und deren staatliche Transformation in Privatmilizen. In seinem Abschlussteil nutzt Fourchard seine Erkenntnisse, um sie auf einen Afrika-weiten Kontext bezüglich der Privatisierung von Strafe anzuwenden. Mittels der Untersuchung der genannten Punkte erlangt Fourchard das Fazit, dass Privatmilizen nicht die Staatssouveränität vermindern, wie allgemein behauptet bzw. vermutet wird. Es handelt sich bei dem „sode sode/ night guards-system“ zudem nicht um ein neues Phänomen des kolonialen oder postkolonialen Nigerias sondern hat seine Wurzeln in einem vorkolonialen Rechts- und Strafsystem.

 

Bei dem AI-Bericht handelt es sich um eine Berichterstattung über das Töten und Verschwinden von Zivilisten und Straffälligen in Nigeria sowie den mangelhaften Aufbau und die Organisation des Polizeisystems. AI eröffnet den Bericht mit einem äußerst populären Fallbeispiel: Der Ermordung des Ch.M. Onovo, welche auch in Europa für Aufsehen gesorgt hat. Damit richtet sich AI mit einem populären Fall direkt an die Weltöffentlichkeit und die nigerianische Regierung, um anschließend das „allgemeine Problem“ der Willkür nigerianischer Polizeikräfte darzustellen.

 

Mittels einer umfassenden Feldforschung, diversen Umfragen und Interviews legt der AI-Bericht die Eigenmächtigkeit der nigerianischen Staatsgewalt dar. Jedoch kann der Bericht oftmals nur auf offizielle Zahlen der Regierung verweisen, da sich eine Zusammenarbeit zwischen AI und nigerianischem Staat während der Untersuchung als schwierig gestaltete. Daher nutzen die AI-Verfasser dramatische Einzelschicksale um die prekäre Lage in Nigeria zu verdeutlichen.

 

Leider widmet sich der AI-Bericht nicht näher den politischen Hintergründen der Willkür des Polizeisystems, obwohl auch dies möglich ist. Ersichtlich ist in Anbetracht des Berichtes, dass überwiegend Ogoni und Igbo (im Niger-Delta-Gebiet wohnhaft) Ziel der Polizeigewalt sind, welches durchaus in Zusammenhang zur ethnischen Säuberung der Region durch die nigerianische Regierung gebracht werden kann. Zudem zeigt sich anhand der ausgewählten Literatur, dass mittels der Privatisierung der Strafe in Nigeria ein Wandel innerhalb der medialen Berichterstattung vorzufinden ist, denn durch die Beschäftigung von Privatmilizen und nicht-staatlichen Akteuren erhöht sich die Möglichkeit nicht alle Informationen offiziell werden zu lassen und den Panoptismus des Staates aufrecht zu erhalten.

 

Im allgemeinen Kontext ist daher zu vermuten, dass die Privatisierung des Strafsystems in Nigeria dem panoptischen Modell Foucaults gegenüber steht, da der Staat durch Privatisierung an Souveränität verliert. In Anbetracht der beiden Publikationen verdeutlicht sich jedoch, dass das Gewaltmonopol in Nigeria trotz einer Privatisierung weiterhin eine öffentliche und staatliche Angelegenheit bleibt. In Anbetracht des AI-Berichtes bestätigt sich des Weiteren die These Foucaults, dass der Staat sich fortwährend eines Alibis (Bedrohung der Gesellschaft durch Kriminelle) bedient, um die Kontrolle und Souveränität über die Gesellschaft aufrecht zu erhalten. Bestätigt wird diese These u.a. durch Aussagen nigerianischer Polizeibeamte, die darauf verweisen, dass sie sich durch ehemalige Häftlinge, die entlassen werden, bedroht fühlen.

 

Stefanie Schams

 

Wissenschaftliche Literatur von

1. Laurent Fourchard, A new name for an old practice: Vigilantes in South-Western Nigeria, in: Africa, Nr.78, Nr.1, 2008, S.16-40.

2. Amnesty International, Killing at will. Extrajudicial Executions and other Unlawful killings by the Police in Nigeria, Amnesty International: London, 2009, S.2-23.

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