Heute ist der 23.11.2017

Was ist Alltagsgeschichte?

Von Steffi Schams

Der Historiker Alf Lüdtke ist führender Vertreter der Forschungsrichtung Alltagsgeschichte. Der Auszug „Was ist und wer treibt Alltagsgeschichte?“ behandelt das Konzept der Alltagsgeschichte im Gesamtkontext der Makrogeschichte. 

 

Kernaussage Lüdtkes ist die Behauptung, dass Alltagsgeschichte nicht nur für die Erforschung der Mikrogeschichte einen Beitrag leistet, sondern gleich bedeutend für die Makrogeschichte ist und diese wiederum durch den Zugang zur Mikrogeschichte geschrieben werden kann. Fazit Lüdtkes ist demnach, dass „große Geschichte“ ohne eine Betrachtung der Mikro- bzw. Alltagsgeschichte nicht geschrieben werden kann. Zu dieser Erkenntnis kommt er mittels der Darstellung von Diskursen, Akteuren und alltagsgeschichtlichen Pionierarbeiten. Demgegenüber steht die wissenschaftliche Abhandlung von Hans-Ulrich Wehler.

 

Der Mitbegründer der „Bielefelder Schule“ Wehler baut seine wissenschaftliche Arbeit um ein 10-Punkte-System auf. Dabei erfasst das Strukturierungsschema

1. Ursachen und Motive

2. Vorzüge und Chancen

3. Grenzen und Nachteile der alltagsgeschichtlichen Begriffsdefinition und Geschichtsschreibung.

 

Er kommt mittels dieser Untersuchung zu dem Fazit, dass Alltagsgeschichte nicht über die Fähigkeit verfügt Makrogeschichte zu schreiben. Lediglich eine ergänzende Funktion zur „großen Geschichte“ schreibt er der Alltagsgeschichte zu.

 

Als Gemeinsamkeit zwischen den Abhandlungen Lüdtkes und Wehlers bleibt fest zu halten, dass sich beide Autoren der Debatte um die Begrifflichkeit Alltagsgeschichte bewusst sind und diese auch ausführlich darlegen. Darüber hinaus stimmen beide darin überein, dass Blickwinkel und Forschungsansätze von Historikern oftmals für die Forschungsrichtung der Alltagsgeschichte zu stark beschränkt sind. Jedoch divergieren ihre Lösungsansätze für diese Problematik. Beide Autoren unterscheiden sich sichtbar in der Positionierung um die Kulturanthropologie/ Ethnologie. Lüdtke verweist auf eine entscheidende Rolle der Kulturanthropologie, da sich hieraus andere Potentiale und Praktiken ergeben, wie sie von Historikern angewandt werden.

 

Wehler hingegen spricht der Kulturanthropologie die Fähigkeit ab, zur Theoriebildung in der Alltagsgeschichte bei zu tragen. Als Argument führt er an, dass sich diese selbst seit Jahrzehnten in einer Definitionskrise befindet und keine funktional-kausalen Erklärungen beisteuern kann. Eine weitere Divergenz der Autoren ist der Bezug auf die neueren Akteure (in beiden Aufsätzen z.B. Geschichtswerkstätten) der Debatte. Während Lüdtke darin einen Fortschritt für die Forschung sieht, verwehrt Wehler diesen Akteuren die Wissenschaftlichkeit ihrer Forschungsarbeit und spricht in diesem Zusammenhang sogar von Pseudo-Wissenschaftlichkeit.

 

Lüdtke kommt des Weiteren zu dem Fazit, dass Geschichte nicht ohne „kleine Leute“ geschrieben werden kann. Während Wehler überzeugt ist, dass vor allem gut- und mittelständische Bürger in den Forschungsanalysen zu wenig beachtet werden.

 

Beide Darstellungen zu dem Gegenstand Alltagsgeschichte könnten an einigen Analysepunkten nicht konträrer sein. Doch genau dieser Gegensatz ist bedeutend für die Einführung in die Thematik Alltagsgeschichte. Sowohl die Abhandlung Lüdtkes, als auch die Darstellung Wehlers geben einen tiefen Einblick in die Debatte um die Alltagsgeschichte und erläutern detailliert die Problemstellungen mit denen sich Historiker diesbezüglich auseinander setzen müssen. Vor allem Wehlers Behauptungen sind kritikfähig. Seine Kritik an der Kulturanthropologie ist an manchen Stellen nur schwer nachvollziehbar. Vor allem die kulturanthropologische Arbeiterforschung hat nicht nur die Makrogeschichte des 19. Jahrhunderts ergänzt, sondern sie auch geschrieben. Die Erforschung der „bürgerlichen Gesellschaft“ durch Riehl 1851 und dem Versuch soziokulturelle Mikrostrukturen mit den Makrostrukturen der Gesellschaft zu verbinden, hat erst die Grundlage für eine alltagsgeschichtliche Forschung geebnet und damit auch den Weg für Historiker in dem Feld sichtbar gemacht. Wehler vollzieht eine breit gefächerte Kritik an den Vorgehensweisen der Alltagshistoriker und der Begrifflichkeit im Allgemeinen, in welcher er eine Anti-Haltung bemängelt, von der er jedoch über weite Passagen seines Aufsatzes selbst Gebrauch macht. Die wissenschaftliche Abhandlung Lüdtkes ist hingegen vorteilhafter strukturiert und daher aussagekräftiger. Thesen von Kritikern widerlegt er anhand von bedachten Argumentationsstrukturen, so z.B. die Widerlegung der Theorieunfähigkeit von Alltagsgeschichte durch die Darstellung von Denkbildern, Deutungsweisen und Handlungsregeln (der „genaue Blick“).

 

Im Kontext afrikanischer Geschichtsschreibung besteht daher meiner Ansicht nach nicht die Möglichkeit diese Mikroaspekte auszulassen. Demzufolge werden auf integritude.org in den kommenden Wochen Essays veröffentlicht, die genau diese Alltagsgeschichte im afrikanischen Kontext verdeutlichen. Hierzu gehören Alltags-Thematiken wie Kleiden, Trinken, Gebären, Begraben und koloniale Grenzziehung.

 

Stefanie Schams

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