Heute ist der 21.11.2017

Alltagspraktiken „Kleiden“

Von Steffi Schams

Jean Comaroffs „The Empire’s old Clothes: Fashioning the Colonial Subject” thematisiert die nicht-konformistische Missionierung der Tswana im südlichen Afrika. 

 

Der Analyseschwerpunkt der Anthropologin liegt auf der Betrachtung der „Bekleidungsgeschichte“, d.h. in welchem Umfang und durch welche Einflüsse Missionare den Tswana die europäische Kleidung als Alltagsobjekt vermittelt haben. Dabei wird die Verbindung zwischen Christentum und Kleidung erläutert und in einem historischen Abriss die Auswirkungen auf die Gesellschaft der Tswana zwischen 1830 und 1900 dargelegt. Comaroff erlangt das Fazit, dass sich die Geschichte des Kleidens bei den Tswana nicht nur aus einer europäisch-christlichen Kultur heraus ergibt, sondern auch in dem Kontext des industriellen Kapitalismus verortet werden muss.

 

Zu diesem Fazit kommt Comaroff u.a. mittels der Untersuchung folgender Thesen:

1. Die Missionare sind lediglich der erste Akteur in dem Projekt „Bekleide Afrika“ (in historischer Perspektive)

2. Es erfolgte ein gesellschaftlicher Wandel, der eine „black petite bourgeoisie“ entwickelte. Es kam somit zu einer Elitenbildung und Hierarchisierung.

3. Westliche Kleidung ist gleichzeitig Zeichen und Instrument von Transformation/ Wandel. Dementsprechend gelingt es Comaroff diverse sozio-historische Dynamiken auf zu zeigen, die für die „Bekleidungsgeschichte“ der südafrikanischen Tswana zusammenspielen. Comaroffs wichtigste Quelle für die Beweisführung sind Aussagen und Berichte des Zeitzeugen Robert Moffat, einem Evangelisten der ersten Stunde.

 

Im Vergleich zu Comaroffs Untersuchung handelt es sich bei dem zweiten Text nicht um Sekundärliteratur, sondern um eine Quelle. Hierin beschreibt Rudolf Asmis eigene Erfahrungen. Zwei Thesen prägen seine Ausführungen:

1. Durch dunkle Hautfarbe sehen farbige/ schwarze Menschen angezogener aus (im Vergleich zu Europäern).

2. Das Tragen europäischer Kleidung hat Unheil angerichtet. Seine erste These stützt Asmis mit verschiedenen Fallbeispielen aus diversen Erdteilen.

 

Die Argumentation für die zweite These besteht darin, dass Asmis über die Gefahren und Krankheiten aufklärt, die sich aus dem Tragen von Kleidung ergeben. Zudem stützt er damit die Aussage, dass afrikanische Bevölkerungen ihre Fähigkeiten im Umgang mit der Natur durch das Tragen von Kleidung verlieren. Asmis behauptet damit indirekt, dass Kleidung nicht über eine schützende Funktion verfügt und den Afrikanern somit Unheil gebracht hat.

 

Wesentlicher Unterschied zwischen beiden Texten ist die Wissenschaftlichkeit. Die Quelle von Asmis muss in einen zeitlichen und historischen Kontext eingeordnet und nach den „W-Fragen“ (wo, welcher Kontext, wann etc.) bearbeitet werden. Dennoch sind vor allem seine erwähnten Hygiene- bzw. Krankheitsaspekte wichtig für die Debatte. Während Comaroff diese Aspekte auslässt, werden sie von Asmis kritisch eingebracht.

 

Als weitere Kritik an Comaroffs Untersuchung wäre die Vernachlässigung des Imperialismus und Welthandels in der Thematik zu nennen. Dieser Faktor wird zwar von Comaroff im Fazit festgehalten, im eigentlichen Analyseteil aber zu wenig thematisiert. Der geopolitischen Lage des Kaps bzw. des südlichen Afrikas im 19. Jahrhundert kommt eine gewichtige Rolle zu, wenn man über die Verbreitung von Kleidung auf dem afrikanischen Kontinent sprechen möchte. Die Einbindung von „neu entdeckten bzw. erschlossenen“ Regionen der Briten in ein globales Handelssystems darf in solch einer Analyse nicht außer Acht gelassen werden.

 

Im wichtigen britisch-indischen Textilhandel kommt vor allem der Suche nach neuen Handelsstützpunkten und Absatzmärkten eine enorme Bedeutung zu, welche mit hoher Wahrscheinlichkeit auch bei der Bekleidungsmissionierung der Tswana eine Rolle spielte. Dementsprechend verdeutlicht sich welcher Mikroaspekt, wie der der Kleidung, Einfluss auf die Makrogeschichte des südlichen Afrikas genommen hat. Die Relevanz der Texte besteht darin, über Alltagspraktiken wie Kleiden afrikanische Alltagsgeschichte schreiben zu können und darüber hinaus auch auf Makrogeschichte, wie die Kolonialisierung des afrikanischen Kontinents, schließen zu können.

 

Stefanie Schams

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