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Namibia – Freudige Erwartungen, Ängste, Ungewissheiten

Ich heiße Sophie, bin 24 Jahre alt und werde ab Mitte September ein Jahr lang im Nationalarchiv von Windhoek (Namibia) einen Freiwilligendienst absolvieren. Seit fünf Jahren wohne ich in Berlin und habe hier studiert.

Namibia – Freudige Erwartungen, Ängste, Ungewissheiten

Was erwarte ich von Windhoek - der Stadt, in der ich zwölf Monate lang leben, weinen, lachen, Probleme meistern, tolle Erfahrungen machen werde? Wie stelle ich mir diese Stadt, von der ich meinte bisher noch kein festes Bild im Kopf zu haben, vor? Ist das feste Bild womöglich doch vorhanden, ohne dass ich es wahrhaben oder zugeben möchte?

Als ich erfahren habe, dass ich nach Windhoek gehen darf, war mein erster Gedankengang: Windhoek ist sicher eine sehr europäisierte, gar deutsche Stadt. Ich habe mich zuvor bereits mit der deutschen Kolonialgeschichte in Namibia beschäftigt (z.B. im Rahmen eines studentischen Filmprojekts) und stelle mir seitdem vor, dass deutsche Überbleibsel, z.B. Architektur oder deutschstämmige Namibier, im Stadtbild nach wie vor sehr präsent sind. Doch ist dies in solch starkem Maße der Fall, wie ich es mir in meinem Kopf zusammenreime? Vielleicht nicht, und sobald man den kleinen Stadtkern verlässt, wird es „afrikanisch“. Aber was bedeutet überhaupt „afrikanisch“? Viele Europäer_innen malen sich ein Bild von einem afrikanischen Afrika und wenn sie dann vor Ort europäische Elemente entdecken, sind sie enttäuscht und finden es nicht afrikanisch, weil nicht traditionell genug. Diese Gleichsetzung von „afrikanisch“ mit „traditionell“ bzw. „ursprünglich“ ist jedoch problematisch und entbehrt jeglicher Differenzierung. Der europäische Kolonialismus hat Afrika geprägt und gehört zur afrikanischen, in diesem Falle namibischen, Geschichte dazu.
Dennoch werde ich vermutlich beschämt sein, fernab meiner Heimat koloniale Elemente zu entdecken. Dort, wo sie dem Vernehmen nach nicht hingehören. Ich bin gespannt, wie ich mit diesem Gefühl der unangenehme Berührung (vielleicht sogar Scham) umgehen werde.

Weiße Menschen in Windhoek
In Verbindung mit dem ehemaligen deutschen Kolonialismus stelle ich mir vor, dass in Windhoek  viele weiße Menschen zu sehen sein werden. Da in ganz Namibia jedoch nur um die 20.000 Deutschstämmige wohnen, wird die Sichtbarkeit wohl doch nicht ganz so hoch sein. Deutsch auf den Straßen ist vermutlich auch eher selten zu hören. Das Bild von den Deutschen, die dort leben, ist eher ein schlechtes: Reaktionäre Großgrundbesitzer, die der „guten alten Kolonialzeit“ nachtrauern, ihren deutschen Karneval in Namibia und ihr alljährliches heißgeliebtes Oktoberfest feiern. Selbstverständlich ist dies ein undifferenziertes und in höchstem Maße ungerechtes Pauschalurteil, doch wenn ich an namibische Weiße denke, ist dies meine erste Assoziation.

Wie groß werden die Spannungen zwischen schwarz und weiß sein? Verlaufen die Konfliktlinien auch zwischen Kategorien jenseits der Hautfarbe? Wie wichtig ist die Hautfarbe noch nach der offiziellen Überwindung der Apartheid? Ich vermute, dass es für den Zugang zu ökonomischen und sozialen Ressourcen nach wie vor von elementarer Bedeutung in Namibia ist, welche Hautfarbe ein Mensch besitzt. Gibt es dennoch eine schwarze Oberschicht? Oder eine weiße Unterschicht?

Das alte Leben mit dem neuen verbinden
Ich bin gespannt, inwiefern ich zum Teil mein Berliner Leben dort fortführen kann: Das bezieht sich auf Essgewohnheiten, z.B. ab und zu mal einen Döner (wovon ich nicht ausgehe), oder einen Kneipenbesuch (wovon ich ausgehe). Wie wird das namibische Bier schmecken?

Ich hoffe sehr, dass ich nicht nur das „vorzeigbare“, gut situierte Windhoek zu sehen bekomme. Ich möchte die Stadt in all ihren Facetten kennenlernen, möchte mich mit Menschen unterhalten, fuer die europaeischer Standard noch kein Alltag ist, ich möchte Katutura besuchen – ein ehemaliges Towhnship, das etwas außerhalb Windhoeks gelegen ist.

Namibia ist zwar doppelt so groß wie Deutschland, hat insgesamt aber weniger Einwohner_innen als Berlin. Das liegt vorwiegend an den weitlaeufigen Wuesten, aber auch daran, dass in Namibia einfach nicht viele Menschen wohnen. Windhoek hat ungefaehr so viele Einwohner wie Bonn. Für eine afrikanische Hauptstadt ist das verschwindend wenig; im namibischen Vergleich jedoch ist Windhoek eine Megacity.
Ich kann mir vorstellen, dass die kulturellen Möglichkeiten eher begrenzt sind. Kino, Theater, Ausstellungen? Ich bin gespannt, was Windhoek diesbezueglich zu bieten hat.

Zu guter Letzt scheint mir dier Sicherheitsaspekt ein essentieller zu sein: Schickt es sich, abends bzw. nachts als Frau allein auf der Straße unterwegs zu sein? In Berlin ist es für mich eine Selbstverständlichkeit, mich auch morgens um 3 relativ sicher zu fühlen, wenn ich nach Hause gehe. Ich würde im Traum nicht auf die Idee kommen, vorher einen Mann zu fragen, ob er mich nach Hause begleiten kann. Ich gehe davon aus, dass ich mein Leben in Windhoek in dieser Hinsicht nicht einfach fortfuehren kann.

PS: Die Hitze wird mich vermutlich umbringen, noch bevor ich Windhoek erreicht habe, denn der internationale Flughafen ist etwas außerhalb der Stadt gelegen. Ich werde jeden Tag Sonnencreme auftragen müssen, damit ich nicht ein Jahr lang ein krebsrotes Spiegelbild zu ertragen habe.

 

Kommentare (3)
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Maxim, am 11.11.2013 um 00:08:35

Hallo Sophie,

vielen Dank für deinen Beitrag. Wie geht es dir? Was sind die Neuigkeiten? Hast du neue Freunde dort? Kannst du dir vorstellen dort zu bleiben?

Viel Erfolg!

Aboubacar, am 11.11.2013 um 01:11:39

Bravo Sophie, pass gut auf dich auf und viel Erfolg!

Theresa, am 12.11.2013 um 12:02:32

Hut ab Sophie! Wie fühlst du dich jetzt im Namibia? Stellst du dir jetzt vor "dein Leben dort fortzuführen"?