Heute ist der 23.11.2017

Rassismus-Vorwurf, Lehrer durfte im Unterricht „Neger“ sagen

Ohne Worte

----

Rassismus-Vorwurf / Lehrer durfte im Unterricht „Neger“ sagen

Von Martin Klesmann

Berlin –  

Das Verfahren wegen Beleidigung und Volksverhetzung gegen einen 63-jährigen Berliner Lehrer wurde eingestellt. Eine 16-jährige Schülerin hatte den Lehrer Anfang September angezeigt. Laut Staatsanwaltschaft gab es jedoch keinen hinreichenden Tatverdacht.

Die Polizei sprach damals sofort von einer rassistischen Beleidigung. Doch nun hat die Staatsanwaltschaft das Verfahren gegen den Lehrer Karl-Heinz S. eingestellt. Gegen den 63-jährigen Beamten war wegen Beleidigung und Volksverhetzung ermittelt worden. „Der Einstellungsbeschluss ist uns zugegangen“, bestätigte Peter De Vito, der Anwalt des Lehrers. Eine 16-jährige Schülerin der Friedrich-Bayer-Sekundarschule in Steglitz hatte den Lehrer Anfang September angezeigt.

Nach ihren Aussagen soll der Lehrer zu der dunkelhäutigen Schülerin unter anderem gesagt haben: „Du kannst Dich freuen, dass Nigger auch Menschen sind.“ Die Schulverwaltung stellte den Lehrer daraufhin vom Unterricht frei. Beamte des Staatsschutzes befragten die gesamte Klasse und kamen zu dem Schluss, dass die Behauptungen so nicht stimmen können. „Der Lehrer hat das Wort „Nigger“ gegenüber der Schülerin nicht als Schimpfwort benutzt“, hatte Martin Steltner, Sprecher der Staatsanwaltschaft, bereits vor vier Wochen bestätigt.

Unterschiedliche Sprachdynamik

Fortan wurde nur noch ermittelt, ob der Lehrer das Wort „Neger“ im Unterricht als Beleidigung verwandt hat. Dazu wurde sogar ein Linguistikprofessor zu Rate gezogen. Lehrer S., der in der Klasse einen Biologie-Lehrer vertrat, hatte den Schülern den Unterschied zwischen Einzellern und Bakterien zu erklären versucht. Alle Einzeller seien Bakterien, aber nicht alle Bakterien seien Einzeller. Als ein Schüler das nicht verstand, benutzte Lehrer S. einen seltsamen Vergleich. Alle Neger seien Menschen, aber nicht alle Menschen seien Neger.

Darauf reagierten Schüler empört und sagten, „Neger“ dürfe man nicht sagen, worauf der Lehrer „Neger“ und „Nigger“ unterschied und beide Begriffe an die Tafel schrieb. Die Staatsanwaltschaft kam nun zu dem Schluss, dass diese Verwendung des Wortes „Neger“ im Unterricht keine Beleidigung darstellt. Ein Sprachwissenschaftler hatte zuvor ausgeführt, dass ältere Menschen wie der Lehrer S. dieses Wort noch ohne Problembewusstsein benutzen, während es für junge Leute zum Unwort geworden sei. Sprache habe da eine ganz eigene Dynamik.

Gegen den Lehrer, der früher am Gymnasium Steglitz unterrichtete, war bereits wegen Relativierung des Holocausts ermittelt worden. Er wurde suspendiert, saß bis 2007 fast sieben Jahre lang bei vollen Bezügen zu Hause. Erst dann entschied das Oberverwaltungsgericht gegen die Schulverwaltung: Der Lehrer sei kein Holocaust-Relativierer. Er durfte wieder unterrichten. Als Vertretungslehrer. Unklar ist, ob Lehrer S. nun wieder unterrichten wird. Die Bildungsverwaltung äußerte sich zum laufenden Disziplinarverfahren nicht. Der Lehrer selbst zeigte sich verbittert über Vorverurteilungen durch Politiker und Elternverbände. „Aus Fürsorgepflicht mir als Beamten gegenüber müsste die Schulverwaltung nun dagegen aktiv vorgehen“, forderte er gar.

http://www.berliner-zeitung.de/berlin/rassismus-vorwurf-lehrer-durfte-im-unterricht--neger--sagen,10809148,20815146.html

Kommentare (4)
Bitte melden Sie sich an um einen Kommentar abzugeben
Rebecka, am 03.09.2014 um 13:19:10

Unglaublich. Da weiß man gar nicht wo man anfangen soll. "Der Lehrer hat das Wort "Nigger" gegenüber der Schülerin nicht als Schimpfwort benutzt." Das mag ja sein, aber es ist doch von viel größerer Bedeutung dass es von der Schülerin (und einer überragenden Mehrheit der Gesellschaft) als Schimpfwort empfunden wird. Es sollte weniger um die Intention als um den entstandenen Schaden gehen.

Rebecka, am 03.09.2014 um 13:19:38

Und dann der Kommentar das "alle Neger Menschen seien, aber nicht alle Menschen Neger", genau wie die Bakterien und Eizeller. Damit stellt der Lehrer Menschen auf die gleiche Stufe wie Organismen ohne jegliche Vernunft. Der Vergleich zur Biologie erinnert außerdem zu stark an die nationalsozialistischen Rasseideen und ihre biologisch begründete Hierachie von Menschen, was die beleidigende Intention unterstreicht.

Rebecka, am 03.09.2014 um 13:20:14

Auch die Unterscheidung des Lehrers zwischen den zwei Begriffen ist mehr als fadenscheinig, obsolet, und vor allem unsensibel. Die Begründung des Sprachwissenschaftlers, dass Sprache sich verändere und damit unterschiedliche Bedeutungen für verschiedene Generationen besietze, ist grade im Schulbetrieb äußerst problematisch. Hier treffen schließlich verschiedene Generationen täglich aufeinander, wobei gerade die jüngere Generation gebildet und positiv geformt werden soll, anstatt mit beleidigender Sprache und fragwürdigen Ideen gefüttert zu werden.

Rebecka, am 03.09.2014 um 13:21:09

Sollte dies als ein Beispiel genommen werden um solche Situationen kritisch zu diskutieren, ist es vielleicht noch zu rechtfertigen. Die Tatsache dass der Rest der Mitschüler ebenso empört über die Wortwahl des Lehrers war wie die Schülerin selbst, zeigt dass sie reflektierend mit ihrer Umwelt umgehen. Enttäuschend ist dagegen der Beschluss der Staatsanwaltschaft die Beleidigungen der Lehrers mit einem Generationenwandel zu entschuldigen und damit der Schülerin alle (gerechtfertigte) Legitimation zu nehmen.